Infrastrukturbauten der Ludwig-Süd-Nord-Bahn zwischen Augsburg und Möttingen

Ein Gastbeitrag von Marina Nieberle

Manchmal, wenn man wieder mal in einem verspäteten Fernzug sitzt und im Zielbahnhof das Gleis zum Anschlusszug nach Italien aufgrund einer unerklärlichen Dauerbaustelle 20 Gehminuten entfernt ist, hat man das Gefühl, dass die Welt, die da vor dem Fenster an einem vorbeizieht, vielleicht zu komplex geworden ist; für die Bahn, die vor mehr als 150 Jahren den Austausch von Waren, Menschen und Innovationen in Windeseile überhaupt erst möglich gemacht hat. Heute erkennt man die einstige Innovationsbringerin kaum wieder: Nie enden wollende Bahnhofsbaustellen, Generalstreckensanierungen, die sich um Wochen verzögern und auf denen die Züge danach langsamer fahren, als zuvor und die aus Kostengründen noch nicht mal auf das europäische Zugsicherungssystem umgestellt wurden.
Das war nicht immer so: Die erste vollständige Bahnverbindung quer durch Bayern, genannt Ludwig-Süd-Nord-Bahn -von dem König Ludwig I. in Auftrag gegeben- wurde am 1. März 1854 nach nur zwölf Jahren Bauzeit in Betrieb genommen. Auf einer Länge von etwa 566 km entstanden in diesen zwölf Jahren 214 Brücken, drei Tunnel, 49 dauerhafte und ein Dutzend provisorische Stationsgebäude mit einer Vielzahl an Nebengebäuden sowie rund 240 Bahnwärterhäuser. Eine beeindruckende menschliche Schaffenskraft, die heutzutage ihresgleichen sucht (Kahle 1980; Syrigos 2003).

Im darauffolgenden Jahrhundert, der Hochphase des Schienenverkehrs, wurden viele neue Bahntrassen, Stationsgebäude, Stellwerke, Brücken und Tunnel quer durch Deutschland gelegt. Mit dem Aufkommen des Automobils wurde der Schienenverkehr jedoch zunehmend von asphaltierten Straßen und dem Individualverkehr verdrängt (Wucherpfennig 2006). Auch wenn die Deutsche Bahn in den vergangenen Jahren wieder viel in die Sanierung und Verbesserung der Schienenwege und des gesamten Bahnnetzes investiert hat, besteht nach wie vor eine erhebliche Lücke, sowohl in baulicher als auch in gesellschaftlicher Hinsicht. In dem letzten Zustandsbericht der Personenbahnhöfe der DB InfraGO weißen diese lediglich eine mittlere Zustandsnote von 3,03 auf, wobei sich darin nur die in Nutzung befindlichen Bahnhöfe widerspiegeln (DB InfraGO AG 2024). Ein zentrales strukturelles Problem liegt weiter in der lückenhaften Transparenz über Besitzverhältnisse und den baulichen Zustand veräußerter Gebäude (Schloz Thomas, 1989).

So stehen heutzutage viele dieser stillen Zeugen der einst florierenden Eisenbahnepoche noch an den Stationspunkten, verfallen langsam vor sich hin und werden im hektischen Treiben der Ankommenden und Wegfahrenden kaum beachtet.

Land Karte Bayern, Umrisslinie mit Linienführung und roten Punkten
Die Ludwig-Süd-Nord-Bahn mit allen weiteren Zugverbindungen bis 1854 © Marina Nieberle, eigene Darstellung nach Eisenbahn in Bayern, Brockhoff

Doch was passiert mit diesen Hochbauten, für die es häufig auf den ersten Blick keine gute Nutzung gibt und eine Sanierung nicht rentabel ist? Und welches Potential wird jetzt gerade nicht genutzt?

Eine Forschungsarbeit der Technischen Hochschule Augsburg wurde genau diesen stillen Zeugen der Verkehrsgeschichte gewidmet – am Beispiel eines rund 60 Kilometer langen Abschnitts der Ludwig-Süd-Nord-Bahn zwischen dem Augsburger Hauptbahnhof und dem Bahnhof Möttingen in Schwaben.

„In jedem Eisenbahndenkmal schneidet sich gewissermaßen die temporaleDimension der geschichtlichen Entwicklung mit der temporalen Dimensiondes zurücklegens von Strecken.“— Wolfram Lübbeke, 1985

Wie Wolfram Lübbeke ganz treffend formuliert hat, ist die Eisenbahnlandschaft, wie wirsie heute vorfinden, keinesfalls ein gleichmäßiges und klar einer Stilepoche zuschreibbares System. Vielmehr ist es ein gewachsenes Konstrukt, das sich zum einen in der räumlichen Dimension – aufgrund starker regionaler Unterschiede, Bauweisen und auch Möglichkeiten –, andererseits aufgrund der zeitlichen Dimension – von 1835 bis heute – stark gewandelt hat (Lübbeke 1985). Trotzdem ist eine bautypologische Einordnung dieser heterogenen Baugruppe lohnenswert.

Typologiebasierte Einordnung und Ergebnisse

Die Untersuchung verbindet dazu eine systematische Literaturrecherche mit einer Vor-Ort-Begehung im Dezember 2025 und qualitativen Interviews. Die erfassten Hochbauten werden anhand eines eigens entwickelten Schemas in vier Kategorien gegliedert: (Groß-)Stadtbahnhöfe, Landbahnhöfe, Bahnwärterhäuser und Nebengebäude und drei Bauphasen zugeordnet: den Anfängen des Bahnbaus (1840–1860), der eklektizistischen Phase des Historismus (1860–1910) und der funktionalen Moderne (1910–1950)

Vektorisierte Veranschaulichung der zu betrachtenden Infrastrukturbauten
Veranschaulichung der oben beschriebenen Einordnung der zu betrachtenden Infrastrukturbauten © Marina Nieberle
Handskizze Strichzeichnung von vier Bahnhoftypologien
Skizzen Landbahnhöfe der einzelnen Phasen: oben links Harburg, rechts oben Möttingen (1); mitte: Möttingen (2); unten: Meitingen © Marina Nieberle

Die Unterschiede der einzelnen Phasen kann am Beispiel der Kategorie B: Landbahnhöfe anhand der noch vorhandenen Stationsgebäude von Möttingen und Meitingen nachvollzogen werden:  Das von dem zweiten Architekten der bayerischen Eisenbahn-Kommission Friedrich Bürklein (1813–1872) entworfenen Stationsgebäude ist mit dem alten Stationsgebäude in Harburg (siehe Foto) eines der wenigen noch erhaltenen Zeugen der frühen Phase (1840-1860) des Eisenbahnbaus (Lübbecke 1989; Klar 2002). Da diese Gebäude aufgrund königlichen Sparkurses und der kurzen Bauzeit häufig ein Provisorium aus einfachen, vor Ort befindlichen Materialien waren, wurden viele dieser Gebäude im Laufe der Zeit ersetzt (Kahle 1980). Typische Merkmale dieser frühen Phase waren die modulare Gebäudekomposition aus einem Hauptbau mit zwei Seitenflügeln und die filigrane Vertikalität – das heißt eine ausgeprägte Betonung der senkrechten Linien durch hochgestreckte Fenster, Rundbogenöffnungen und schlanke Gesimse (Klar 2002). Auch das Rundbogenfenster im Giebel stellt ein typisches Merkmal dieser Epoche dar. Der zweigeschossige, inzwischen verputzte Ziegelbau mit Walmdach und dreigeschossigem Mittelrisalit mit Satteldach bildet alle diese zuvor beschriebenen Merkmale ab und wurde zwischen 1850 und 1860 nach Plänen von Bürklein gebaut. Heute steht das Gebäude unter Denkmalschutz.

Das zweite Stationsgebäude in Möttingen weist alle typischen Merkmale der eklektizistischen Phase (1860-1910) auf. Diese Gebäude zeugten vom Stolz und wirtschaftlichen Aufschwung dieser Hochphase des Eisenbahnzeitalters. Typisch sind die großzügiger ausgeführten Baukörper, reiche Putzornamente und Verzierungen der Fassade. Dies alles bildet das zweite Stationsgebäude in Möttingen (siehe Fotos) ab und steht deshalb auch unter Denkmalschutz.

Anders verhält es sich mit der letzten betrachtenden Phase des Eisenbahnzeitalters. Nach den Kriegsjahren waren die Gebäude einer neuen Strömung unterworfen, genannt die „Neue Sachlichkeit“ (Behne 1929). Stationsgebäude jener Zeit, wie hier in Meitingen, waren durch strikte Zweck- und Funktionsorientierung geprägt und die häufig schlichten, rechteckigen Massivbauten lassen den bereits oben beschriebenen gesellschaftlichen Bedeutungswandel erkennen.

Im Rahmen der Untersuchung fand eine umfassende Bestandsaufnahme statt: Für jedes der 22 erfassten Gebäude entstand ein Steckbrief zu Bauzustand, Nutzung, Denkmaleigenschaft und Sanierungsbedarf. In Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege wurden die Daten zudem als georeferenzierte Punkte in QGIS gesichert und stehen nun als langfristig nutzbare digitale Dokumentation für Gemeinden, Deutsche Bahn und Forschung zur Verfügung.

Das Ergebnis unterstreicht den Handlungsbedarf: Rund 50 Prozent der Gebäude sind von Voll- oder erheblichem Teilleerstand betroffen (Leerstandsquote über 50%), sechs stehen vollständig leer. Am kritischsten ist die Lage beim Bahnwärterhaus Augsburg-Oberhausen und beim älteren Stationsgebäude in Möttingen, wo jahrzehntelanger Leerstand zur Schädigung der Bausubstanz und der daraus folgenden ideellen Entwertung das Gebäude zum Abrisskandidaten werden lässt. Und obwohl viele dieser Bauten das Orts- und Landschaftsbild prägen, stehen nur drei von ihnen unter Denkmalschutz (BLfD 2018).

Wenn das Bahnhofsumfeld zum „Nicht-Ort" wird

Dass es nicht allein um Mauern und Dächer geht, zeigt die vertiefende sozialräumliche Analyse am Bahnhof Augsburg-Oberhausen und dem angrenzenden Helmut-Haller-Platz. Einst Ankunftsort der Gastarbeiter der 1960er-Jahre und lebendiger Treffpunkt, wurde der Platz in Nutzung und Gestaltung über Jahrzehnte hinweg abgewertet – nicht durch ein einzelnes Ereignis, sondern durch einen schleichenden, sich selbst verstärkenden Prozess. Gut gemeinte städtische Maßnahmen erwiesen sich dabei mitunter als kontraproduktiv: Wurden Bänke abgeschraubt oder Beete entfernt, verschwanden die „normalen" Nutzergruppen, während die Drogen- und Obdachlosenszene blieb und den Raum umso stärker für sich einnahm (Wimmer 2025).

Dieser Mechanismus lässt sich mit stadtsoziologischen Konzepten deuten: mit der Broken-Windows-Theorie von Kelling und Wilson (1982) ebenso wie mit Jane Jacobs' Idee der „Eyes on the Street"(Jacobs 2011). Beide legen nahe, dass nicht die Verdrängung vulnerabler Gruppen den Ort aufwertet, sondern die Wiederherstellung einer sozialen Durchmischung, die informelle soziale Kontrolle erzeugt. Interviews mit Sozialarbeiterinnen und -arbeitern vor Ort bestätigen diese Perspektive eindrücklich (Wimmer 2025; Edelmann et al. 2025).

Ausblick: Vom Leerstand zum Zukunftsbahnhof?

Für Augsburg-Oberhausen sind konkrete Schritte geplant, von der Neugestaltung des Helmut-Haller-Platzes bis zur langfristigen Vision eines modernen Mobilitätshubs (Stadt Augsburg 2025; DB InfraGO AG 2024). Ob eine bauliche Aufwertung allein genügt, bleibt jedoch offen. Die Untersuchung macht deutlich, dass es keine standardisierte Patentlösung gibt: Zu stark unterscheiden sich diese Gebäude in Region, Bauweise, Zustand und sozialem Umfeld.

Und genau darin liegt die eigentliche Botschaft. Historische Infrastrukturbauten sind mehr als Verkehrstechnik – sie sind, mit Wolfram Lübbeke gesprochen, ein „Land-Denkmal", das die kulturelle, wirtschaftliche und soziale Entwicklung einer ganzen Epoche widerspiegelt (Lübbeke 1985). Ihre Zukunft entscheidet sich nicht nur an der Bausubstanz, sondern an der Frage, ob es gelingt, sie wieder mit Leben und mit den Menschen vor Ort zu verbinden. Und vielleicht lohnt sich bei der nächsten unerwarteten Wartezeit an irgendeinem kleinen Stationspunkt ein genauerer Blick aus dem Zugfenster, denn was auf den ersten Blick nur ein weiterer stiller Bahnhof am Streckenrand ist, erzählt in Wahrheit von 150 Jahren Ingenieurskunst, die nur darauf wartet, wiederentdeckt zu werden.

Quellen

  • Ulrich Kahle. “Die Ludwig-Süd-Nord-Bahn”. In: Jahrbuch der bayerischen Denkmalpflege. Bd. 34. Deutscher Kunstverlag München, 1980.

  • Rolf Syrigos. “150 Jahr diagonal durch Bayern - Bayerns erste Staatsbahn feiert Jubiläum”.In: Eisenbahn Magazin (Okt. 2003), S. 22–25.

  • Wucherpfennig, Claudia. Bahnhof - (stadt)gesellschaftlicher Mikrokosmos im Wandel: eine neue kulturgeographische Analyse. Wahrnehmungsgeographische Studien Bd. 22. Oldenburg: BIS-Verl. der Carl-von-Ossietzky-Univ. Oldenburg, 2006. 261 S. ISBN: 978-3-8142-2009-3.

  • DB InfraGO AG. Handbuch Zukunftsbahnh.fe. Handbuch. Frankfurt am Main: DB InfraGO AG, Geschäftsbereich Personenbahnhöfe, 21. Okt. 2024.– Zustandsbericht der DB InfraGO AG 2024. Jährlicher Zustandsbericht Netz und Personenbahnhöfe. Frankfurt am Main: DB InfraGo AG, 2024. (besucht am 06. 12. 2025).

  • Schloz Thomas, 1989. Umnutzung von Bahnhöfen, 2. erw. Auflage. ed. IRB-Literaturauslese/ Informationszentrum Raum und Bau der Frauenhofer-Gesellschaft.

  • Wolfram Lübbeke. “Die Eisenbahn in Bayern - Denkmalpflege eines Betriebssystems”. In: Jahrbuch der bayerischen Denkmalpflege. Bd. 39. Deutscher Kunstverlag München, 1985, S. 205–228.

  • BLfD/ Abt. C/ Lübbecke. Vorläufige .Übersicht über Bahnhöfe, Brücken und sonstige Ingenieurbauten: Ludwigs-Süd-Nord-Bahn, Ludwigs-Main-West-Bahn. 16. März 1989.

  • Klar, Alexander. Im Dienste des bayerischen K.nigs: Leben und Werk des Baumeisters Friedrich Bürklein (1813-1872). Concetto - Lesarten der Künste 3. München: Scaneg, 2002. ISBN: 978-3-89235-803-9.

  • Behne, Adolf. Der moderne Zweckbau (1929). Bauwelt Fundamente 10. Basel: Birkhäuser, 1964. 1 S. ISBN: 978-3-0356-0002-5 978-3-0356-0058-2. DOI: 10.1515/9783035600582.

  • Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege.
    Bahnhofsempfangsgebäude - D-7-79-185-19. 2018. URL: https://geoportal.bayern.de/denkmalatlas/searchResult.html?objtyp=bau&koid=198816# (besucht am 02. 03. 2026).
    Bahnhofsgebäude 2 - D-7-79-185-16. 2018. URL: https ://geoportal.bayern.de/denkmalatlas/searchResult.html?objtyp=bau&koid=191069 (besucht am 02. 03. 2026).
    Straßenbahndepot - D-7-61-000-141. 2018. URL: https://geoportal.bayern.de/denkmalatlas/ searchResult.html?objtyp=bau&koid=109823 (besucht am 12. 02. 2025).

  • Gespräch mit Mitarbeitern des beTreffs - Oberhausener Bahnhof. Unter Mitarb. von Edelmann, Florian, Rugullis, Alicia und Luzie, Werkstudentin der Sozialen Arbeit. 15. Dez.2025.

  • Jacobs, Jane. The death and life of great American cities: 50th anniversary edition. New York: Modern Library, 2011. 598 S. ISBN: 978-0-679-64433-0.

  • Kelling, George L. und Wilson, James Q. “Broken Windows: The police and neighborhood safety”. In: The Atlantic Monthly 249.3 (M.rz 1982), S. 29–38.