Das historische Wohnstallhaus der Familie Nirschl steht an einer Kreuzung mitten im Ort Grafenwiesen – ein Gebäude, das die Dorfgeschichte sichtbar macht und seit Generationen ein Anlaufpunkt für die Familie war. In der Nacht vom 5. auf den 6. März 2024, unmittelbar nach dem 74. Geburtstag von Alois Nirschl, brannte der Dachstuhl lichterloh. Was folgte, war eine Entscheidungsfindung zwischen Erhalt und Abriss – ein schrittweiser Prozess, der sich aus Erinnerungen, einer fast vergessenen Brandversicherung von 1923 und der Vision des Architekten Peter Haimerl zusammenfügte.

Valerie Rehle und Judith Sandmeier vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege sprachen mit Marco Nirschl, dem aktuellen Bauherrn, und seinem Vater Alois Nirschl, der nebenan wohnt und fast täglich auf der Baustelle anzutreffen ist.

„Um halb drei hat es lichterloh gebrannt."

Herr Nirschl, können Sie die Nacht beschreiben, als das benachbarte Wohnstallhaus brannte?

Alois Nirschl: Es war mein Geburtstag, der 5. März. Wir hatten gefeiert, ich war gegen halb zwei im Bett. Um halb drei hat es lichterloh gebrannt. Der Nachbar hat es als erster bemerkt und die Feuerwehr gerufen – wir selbst haben nichts gesehen, weil unser Schlafzimmer auf der anderen Seite liegt. Die Flammen waren schon zehn Meter hoch, als er anrief.

Marco Nirschl: Das Feuerwehrhaus ist quasi das übernächste Gebäude, deshalb waren sie schnell da. Das hat verhindert, dass das ganze Haus niedergebrannt ist. Beim Nachbarhaus sind die Rollläden geschmolzen und das Fenster geplatzt. Das Gartenhaus, das heute noch steht hat die Feuerwehr gerade noch gerettet.

Der Brand war sicher ein großer Schock für alle.

Marco Nirschl: Ein riesiger Schock. Seitdem reagiere ich empfindlich, wenn nachts das Telefon klingelt.

Alois Nirschl: Wenn du dabeistehst und die Flammen gehen zehn Meter hoch – das ist natürlich ein Schock..

Wie viel hat der Brand zerstört?

Marco Nirschl: Das Haus war nach dem Brand in einem schlimmen Zustand – Bauschutt, verkohlte Balken. Das hat alles sehr lange rumgelegen, weil das beauftragte Unternehmen uns immer wieder vertröstet hat. Dann aber ging es plötzlich sehr schnell und ein Container nach dem anderen wurde gefüllt.

Alois Nirschl: Das war alles Sondermüll – Mauerwerk, Dachziegel, Holz, Ruß – alles was auf der Decke lag, wurde runtergeworfen und abtransportiert. Die Feinteile – Holz, organische Materialien, Ruß – mussten wir dann mit der Hand herauskramen. Das war unglaublich mühsam.

„Das Haus verbindet die ganze Familie."

Was bedeutet das Haus der Familie?

Marco Nirschl: Das Haus verbindet die ganze Familie. Als ich jung war, hat hier meine Großtante – die Maria – gewohnt. Alle Kinder wollten immer in dieses Haus. Wenn Cousins und Cousinen da waren, wurde darum gestritten, wer bei der Tante schlafen darf. „Wastl" war der Hausname, nach ihrem Vater Sebastian Edenhofer.

Alois Nirschl: Der Großvater war Schustermeister – dort, wo heute das Bad reinkommt, war die Schusterwerkstatt. Später gab es auch eine kleine Landwirtschaft: zwei Kühe und ein Kalb. Das Haus war immer ein Anlaufpunkt. Die Kinder aus Regensburg kamen alle her – das lag aber auch an der Tante. Irgendwann haben wir dann das Haus übernommen – ich glaube, das war so um 1995.

Marco Nirschl: Ja, ungefähr. Und wir hätten auch nicht gedacht, dass das Haus so alt ist – das hat die Untersuchung erst gezeigt. Die Geschichte davor kennen wir eigentlich kaum.

„Dieses Haus ist ein prägendes Gebäude für den Ort. Natürlich gehen auch Spaziergänger rein, wenn sie die Tür offen sehen – das ist ganz normal."

Welche Erinnerungen verbinden Sie mit dem Haus?

Marco Nirschl: Einen besonderen Geruch hatte es auf jeden Fall. Die Tante hat stark geraucht, und das hat sich ins Haus eingelagert. Wenn meine Schwester heute in die Stube reingeht, sagt sie, es riecht immer noch so. Aber damals war das normal. Das Haus hatte etwas Altes, Gemütliches – niedrige Decken, kleine Räume –, und die Tante hat sich viel mit den Kindern beschäftigt. Wir haben dort auf das Christkind gewartet und ich weiß noch genau, wo welche Möbel standen.

Das Haus wirkt durch seine Position an der Kreuzung ohne Zaun wie ein halböffentliches Gebäude. Welche Bedeutung hat das Haus für den Ort?

Alois Nirschl: Von vorne ist es ein echter Blickfang. Früher hat meine Frau am Balkon Blumen aufgehängt. Rundum wurde viel Altes abgerissen und neu gebaut. Die ganze alte Welt ist verschwunden.

Marco Nirschl: Dieses Haus ist ein prägendes Gebäude für den Ort. Es gehen auch mal Spaziergänger rein, wenn sie die Tür offen sehen – das ist fast schon normal. Viele fragen nach, wie es weitergeht. Auf der Gemeindeseite gibt es sogar ein Foto davon.

Nach dem Tod der Großtante stand es leer. Gab es vor dem Brand irgendwelche Pläne?

Marco Nirschl: Eine Idee war, das Haus ein Stück nach rechts zu versetzen, damit die Dorfdurchfahrt größer wird. Inzwischen sind wir aber froh, dass das nicht gemacht wurde – die enge Durchfahrt bremst den Durchgangsverkehr. Ansonsten diente es hauptsächlich als Lagerraum. Am Schluss hat sich aber niemand mehr getraut, auf den Balkon rauszugehen – der Dachbalken war abgebrochen und der Balkon nicht mehr stabil. Uns war klar: Wenn man es wirklich bewohnbar machen will, wird das aufwendig.

„Nach dem Brand wussten wir zunächst nicht, was wir tun sollten – etwas machen oder gar nichts. Der Auslöser war eine Zeitungsmeldung, dass das Haus abgerissen werden soll."

Marco (rechts) und Alois Nirschl vor der Baustelle des Wohnstallhauses © Valerie Rehle (BLfD)

Somit war das Haus nicht wirklich leer – es war eher Ihr laufendes Bau- und Lagerprojekt.

Marco Nirschl: Genau, immer mal wieder. Der vordere, alte Teil ist eigentlich immer gleich geblieben – da wurden vielleicht mal Pflanzen über den Winter gelagert, aber ansonsten nichts verändert. Im hinteren Teil war es eher Lager. Auf dem Dachboden standen viele Fahrräder und Sachen von mir – die sind mit dem Brand alle weg.

Alois Nirschl: Ich hatte im Stallbereich die Decke erhöht und Bretter und Spanplatten als Lagerboden eingezogen. Das Holz für den Ofen war in einer Holzwand aufgestapelt. Alte Zeitungen, Gerümpel – alles war vor dem Brand noch drin. Ich ärgere mich noch heute.

Wie ging es nach dem Brand weiter? Wie kam es zu dem Entschluss, es anzugehen?

Marco Nirschl: Nach dem Brand wussten wir zunächst nicht, was wir tun sollten – etwas machen oder gar nichts. Der Auslöser war dann eine Zeitungsmeldung, dass das Haus abgerissen werden soll. Unser eigentliches Anliegen war aber, das Haus zu erhalten.  An dem Haus hängen so viele Erinnerungen dran – es würde etwas fehlen. Daraufhin hat ein Bekannter Peter Haimerl angerufen und der stand eines Sonntags vor der Tür. Er ist eher visionär als ingenieurhaft – hat erzählt, was man machen könnte. Was uns aber zunächst gehemmt hat: der enorme Aufwand und natürlich die Finanzierung. Aber dann hat die Versicherung – eine Brandversicherung von 1923, von der wir gar nicht richtig wussten, dass sie noch existiert – irgendwann signalisiert, dass sie eine bestimmte Summe auszahlt. Das hat die Sache angestoßen. Peter Haimerls Idee war dann, quasi ein Haus ins Haus zu stellen – das hat sich über die Zeit noch weiterentwickelt. Aber die Vision, das alte Haus zu erhalten, passte zu unseren Wünschen. Und letztlich haben wir gesagt: Mei, lass ihn mal machen. Und es ist wirklich sehr gut geworden – und sehr innovativ.

Es hat sich also dann irgendwie ergeben.

Marco Nirschl: Genau – es gab nicht den einen Moment, wo wir gesagt haben: „Jetzt greifen wir es an." Peter Haimerl kann überzeugend sein, und man merkte, dass er das Projekt unbedingt machen wollte. So sind nach und nach die Entscheidungen gefallen. Was uns Eile gemacht hat: Im hinteren Bereich war der Dachstuhl komplett verbrannt, und oben am Giebel war alles offen. Es hat reingeregnet – monatelang. Wir haben Planen gespannt, aber die sind immer wieder gerissen. Sturm, Sandsäcke, neue Planen – ein ewiges Hin und Her. Im Herbst 2025 war dann klar: Das Haus muss geschützt werden, wenn es erhalten werden soll. Das hat die Entscheidung beschleunigt.

Sie haben auch viel in Eigenleistung auf der Baustelle gemacht. Man sieht, dass Sie Bauerfahrung haben.

Marco Nirschl: Mein Vater ist ein lebenslanger Bauer, kann man sagen. Also das hat uns jetzt nicht geschockt, Hand anzulegen.

Alois Nirschl Ich habe immer was gebaut. Es geht immer so weiter.

Marco Nirschl: Peter Haimerl kommt meistens am Wochenende vorbei und sagt: die Mauer da brauchen wir jetzt doch, und die andere nicht mehr. Es ist alles sehr spontan. Da brauchen wir das noch, hier müssen wir das noch machen – so läuft das. So sind drinnen ganz viele Mauern verstärkt worden, damit der Dachstuhl aufliegen kann. Also, da war sehr viel zu tun.

Alois Nirschl: Die ganzen Heizungs-, Abwasser-, Wasser- und Gasleitungen habe ich reingelegt. Mit Kompressor und Schaufel habe ich das Fundament freigeklopft. Dann musste noch der Sockel im Mauerwerk ausgebessert werden – meine Frau stand mit einem Eimer Putz auf der Leiter. Die ganzen Trümmersteine und Beton mussten alle raus. Ich habe auch das Fundament mit Pickel und Schaufel ausgegraben – und war danach zwei Tage flachgelegen.

Was war so die größten Herausforderungen in den letzten zwei Jahren, seitdem der Brand passiert ist?

Marco Nirschl: Die größte Herausforderung ist tatsächlich die Finanzierung. Das bereitet sehr viele schlaflose Nächte. Es gibt viele Ideen und man steckt viel Leistung rein – ein Jahr lang jeden Tag von früh bis spät –, und wenn man sich dann überlegt, dass das an finanziellen Themen scheitert, dann ist es halt schwierig. Diese Hängepartie – dass man wochenlang, monatelang auf Aussagen wartet – zermürbt.
Finanzierung ist das erste Thema – aber das zweite ist, dass man Leute findet, die das erstens machen wollen und zweitens auch können. Wenn jemand einfach nur günstig sein will, ist der Markt sehr eng. Ansonsten funktioniert das Zusammenspiel ganz gut – mit Peter Haimerl und so weiter. Und auch mit Ihnen dem Landesamt.

Welcher positive Moment ist Ihnen in den letzten zwei Jahren in Erinnerung geblieben?

Marco Nirschl: Ein schöner Moment war, als wir den verbrannten Dachstuhl abgebaut haben. Der Kran stand schon da, und dann waren plötzlich zehn Leute da. Dass alle zusammenhelfen -  das war schon schön. Mein Sohn – mit elf Jahren – hat beim Balkon abbauen die Kommandos gegeben. Alle haben mitgeholfen. Wenn man kleine Fortschritte sieht – das ist schon sehr positiv.

Empfinden Sie das Haus manchmal als Belastung?

Marco Nirschl: Es gibt gute und schlechte Tage. Dadurch, dass meine Eltern so viel machen und immer vor Ort sind – und das gut im Griff haben –, sinkt meine Belastung ein bisschen. Trotzdem gibt es viel zu bedenken und viel im Kopf zu behalten – das ist nebenbei nicht immer ganz einfach. Aber man muss ehrlich sein: das wäre ein Projekt, das man Vollzeit machen könnte. Aus meiner Sicht gibt es nur ein Hauptprojekt, das man gleichzeitig stemmen kann – ob privat oder beruflich. Damals beim Bau meines Wohnhauses war das das Hauptprojekt, und das Berufliche musste hinten anstehen. Jetzt läuft das Ganze eher nebenbei – obwohl es aus der Sicht meiner Eltern nach wie vor das Hauptthema ist.

Welche Tipps haben Sie an andere Eigentümer und Eigentümerinnen, die vor ähnlichen Fragen stehen?

Marco Nirschl: Das ist sehr individuell. Bei uns wäre es ohne den Brand ein Gebäude geblieben, das einfach stehen bleibt. Und wenn man im Fernsehen sieht, wie Eigentümer alte Häuser herrichten, sagen manche danach: kein zweites Mal. Aber bei alten Bauernhäusern – da haben die Leute schon gemerkt, was daraus werden kann. Positiv überrascht hat mich bisher der bürokratische Aufwand. Den empfand ich als nicht so schlimm, wie mir das vorher häufig gesagt wurde. Aber vielleicht kommt da ja noch was. Eine Gesamtplanung wäre rückblickend gut gewesen: Was brauche ich, an was muss ich denken, wie finanziere ich was, wer sind die Beteiligten, mit wem muss ich wie kommunizieren – so eine Art Handlungsempfehlung. Aber jetzt sind wir noch nicht fertig, und wer weiß, was noch kommt. Eine Empfehlung möchte ich erst aussprechen, wenn es dann mal fertig ist.

Was wünschen Sie dem Haus für die Zukunft?

„Leben. Dass es nicht alleine dasteht, sondern dass sich was rührt. Dass es bewohnt ist. Ich glaube, das hat es verdient – weil es sehr viel mitgemacht hat und wahrscheinlich immer viel Leben drin war."

Wie sieht die Zukunft des Hauses aus?

Marco Nirschl: Die Kinder streiten sich darum, wer einziehen darf. [lacht] Wie das genau wird, ist noch offen. Wir haben auch überlegt zu vermieten – als Ferienwohnung wäre das attraktiv. Das ist hier grundsätzlich Urlaubsregion – Bayerischer Wald, Ski- und Wandergebiet, Erholung. Bis zum großen Arber ist es eine halbe Stunde. Aber einen richtigen Plan gibt es da noch nicht. Erst mal fertig werden.

Wann planen Sie fertig zu sein?

Marco Nirschl: Best Case Anfang nächstes Jahr. Also zum Geburtstag – der Geburtstag ist der 5. März, und am 6. März ist es abgebrannt. Man könnte ja vermuten, die Party war zu ausschweifend – das war natürlich nicht der Fall. [lacht] Aber wie gesagt, muss man abwarten.

Was wünschen Sie dem Haus für die Zukunft?

Marco Nirschl: Leben. Dass es nicht alleine dasteht, sondern dass sich was rührt. Dass es bewohnt ist. Ich glaube, das hat es verdient – weil es sehr viel mitgemacht hat und wahrscheinlich immer viel Leben drin war.

Dafür sind jetzt die besten Voraussetzungen gegeben. Vielen Dank für das Interview!