Zwischen Aufbruch, Beton und Zukunftsfragen

Ein Artikel von Anica Mayer und Florian Boisseree

Kirchen der Nachkriegszeit sind mehr als nur Sakralbauten – sie sind gebaute Zeitzeugen eines radikalen Neuanfangs.

Entstanden zwischen 1945 und 1969, spiegeln sie den Wandel einer Gesellschaft wider, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg neu erfinden musste. Die Phase reicht von der improvisierten Wiederaufbauzeit bis hin zum optimistischen Aufschwung des „Wirtschaftswunders“ – und genau diese Spannbreite zeigt sich auch in der Architektur.

Weniger Pathos, mehr Klarheit. Statt monumentaler Inszenierung dominieren reduzierte, funktionale Formen. Stahl, Beton, Glas – Materialien werden nicht versteckt, sondern gezeigt. Konstruktion wird Gestaltung. Die Architektur dieser Zeit ist direkt, ehrlich, manchmal roh – aber immer Ausdruck eines bewussten Bruchs mit der Vergangenheit. Im Kirchenbau trifft dieser architektonische Aufbruch auf neue liturgische Ideen. Räume werden nicht mehr nur gebaut, um frontal zuzuhören – sie sollen Gemeinschaft ermöglichen. Es entstehen fließende Grundrisse, freie Dachformen und lichtdurchflutete Räume. Das Motiv des „Zeltes“ symbolisierte sowohl konstruktive Leichtigkeit als auch die Idee der wandernden Gemeinde. Parallel dazu entwickelt sich das Konzept der „aktiven Kirchenräume“: Kirchen sollen flexibel sein, nutzbar, wandelbar. Statt starrer Bänke und klarer Achsen entstehen Räume, die sich um den Altar organisieren und gleichzeitig Platz für unterschiedliche Nutzungen bieten. Das Ergebnis: Kirche als sozialer Raum, nicht nur als liturgische Bühne. Diese Haltung spiegelt sich auch in der Form: große, offene Räume, wenig Schnickschnack, oft viel Beton. Der Brutalismus wird zum prägenden Stil – nicht als Selbstzweck, sondern als Haltung.

Sichtbeton steht für Ehrlichkeit, Direktheit und den Anspruch, Architektur nicht zu verkleiden.

Dass es heute so viele dieser Kirchen gibt, ist kein Zufall. In den 50er- und 60er-Jahren wurde massiv gebaut – aus Notwendigkeit und aus Aufbruchsstimmung. Viele dieser Gebäude stehen noch heute, prägen Städte und Quartiere – und stehen gleichzeitig vor einem Problem. Denn ihr Zustand ist so unterschiedlich wie ihre Entstehung. Manche sind gut erhalten, andere kämpfen mit typischen Schwächen der Zeit: schlechte Dämmung, veraltete Technik, Probleme mit Feuchtigkeit oder Materialalterung. Gerade Sichtbeton zeigt heute oft Risse, Abplatzungen oder Korrosion.

Doch die größere Herausforderung liegt woanders: Was passiert mit diesen Kirchen überhaupt noch? Sinkende Mitgliederzahlen und veränderte Lebensrealitäten führen dazu, dass viele Gebäude schlicht nicht mehr gebraucht werden. Große, oft schwer zu beheizende Räume treffen auf schrumpfende Gemeinden. Und damit wird die Frage unausweichlich: Abreißen oder neu denken? Abriss wäre nicht nur gegen die Prinzipien der Nachhaltigkeit sondern auch ein baukultureller Verlust. Umnutzung dagegen eröffnet Chancen, ist aber komplex: technisch, gestalterisch und emotional.

Grafische Darstellung der Kirchenaustritte in Deutschland
Anzahl der Kirchenaustritte in Deutschland nach Konfessionen von 1992 bis 2024, Quelle: Statista

Ohne Nutzung keine Zukunft.

Fest steht: Ohne Nutzung keine Zukunft. Dass diese Gebäude transformiert werden können – und welche neuen Rollen sie übernehmen könnten, dass wollen wir hier zeigen! Wenn Kirchen ihre ursprüngliche Nutzung verlieren, stehen Gemeinden und Eigentümer vor mehreren Handlungsoptionen. Diese hängen maßgeblich von Faktoren wie baulichem Zustand, Lage, Wirtschaftlichkeit sowie denkmal- und kirchenrechtlichen Vorgaben ab.

Die Deutsche Bischofskonferenz unterscheidet bei veränderter liturgischer Nutzung mehrere Optionen, etwa Nutzungspartnerschaften oder die dauerhafte Übertragung an andere christliche Gemeinden. Auch besondere Profile wie Citykirchen sowie eine räumlich reduzierte Nutzung mit ergänzenden Funktionen sind möglich. Wird die liturgische Nutzung vollständig aufgegeben, kann das Gebäude vermietet oder anderweitig umgenutzt werden, meist in reversibler Form. Der Verkauf stellt eine endgültige Trennung dar und ist häufig mit Auflagen zur weiteren Nutzung verbunden. Ein Abriss gilt als letzte Option und kommt nur bei fehlender Nutzungsperspektive infrage, wobei ein Erinnerungsort erhalten bleiben kann.

Auch wissenschaftliche Untersuchungen unterscheiden ähnliche Kategorien, etwa weiterhin kirchliche Nutzung, Mischnutzung, profane Nutzung, Verkauf oder Abriss. Während rein kirchliche Nutzungen meist nur geringe bauliche Eingriffe erfordern, stehen bei Mischnutzungen und profanen Nutzungen bauliche Anpassungen stärker im Fokus.

Diagramm zeigt vier Optionen für Umgang mit kirchlichem Eigentum: Erhalt durch Anpassung und Mischnutzung, Aufgabe der liturgischen Nutzung mit Vermietung oder Umnutzung, Verkauf meist mit Auflagen sowie Abriss als letzte Option. Jede Option ist durch einfache Symbole und kurze Stichpunkte visualisiert, wobei Erhalt und Aufgabe als Hauptwege hervorgehoben sind.

Kirchen bieten erhebliches Potenzial für neue Nutzungen.

Grundsätzlich bieten Kirchen durch ihr großes Raumvolumen und ihre architektonische Qualität ein erhebliches Potenzial für neue Nutzungen. Gleichzeitig stellen Anforderungen an Denkmalschutz, Technik, Brandschutz und Raumklima hohe Hürden dar. Zudem spielt die gesellschaftliche Akzeptanz eine wichtige Rolle, da Umnutzungen oft emotional diskutiert werden.

In der Praxis existiert bereits eine Vielzahl an Umnutzungen. Diese reichen von Kultur- und Bildungsnutzungen über Gastronomie und Beherbergung bis hin zu sozialen Einrichtungen, Wohnnutzungen oder Freizeitangeboten. Manschwetus (2022) unterscheidet dabei folgende Nutzungsarten:

Gewerbliche Nachnutzungen erfordern meist bauliche und technische Anpassungen im Innenraum, die möglichst reversibel ausgeführt werden. Häufig werden zusätzliche Ebenen oder Trennwände eingezogen sowie Maßnahmen zur Sicherstellung einer angemessenen Beleuchtung und Beheizung umgesetzt.

Die Umnutzung zu Veranstaltungsräumen für Kultur und Bildung ist oft mit geringen Eingriffen möglich. Nebenfunktionen wie Sanitär oder Garderoben können integriert werden, während der Großraum weitgehend erhalten bleibt; Anpassungen erfolgen meist dezent und reversibel.

Für Gastronomie und Beherbergung bieten Kirchen durch Raumvolumen und Architektur gute Voraussetzungen. Herausforderungen ergeben sich aus hohen baulichen und technischen Anforderungen, insbesondere hinsichtlich Sanitär, Brandschutz, Haustechnik und Energieeffizienz, sowie aus der Vereinbarkeit mit denkmalrechtlichen Vorgaben und dem sensiblen Umgang mit dem sakralen Bestand.

Diagramm mit acht Symbolfeldern, die verschiedene Nutzungsarten von Kirchen darstellen, darunter Arbeits- & Lagerraum, Beherbergung & Gastronomie, Kultur & Bildung, religiöse Nutzungen, Soziales & Gesundheit, Sport & Freizeit, Wohnnutzungen und Mehrzwecknutzung. Jedes Feld enthält ein passendes Icon und eine kurze Beschriftung, die zentrale Funktionen wie Lager, Übernachtung, Veranstaltungen, Beratung, Sport, Wohnen und flexible Nutzung klar visualisieren.

Soziale und gesundheitliche Nutzungen sind gesellschaftlich anerkannt und nutzen die offenen Raumstrukturen effizient. Durch Funktionen wie Pflegeeinrichtungen, Kindergärten, Schulen oder Beratungsstellen können zentral gelegene Kirchenstandorte als Orte der Begegnung und sozialen Arbeit nachhaltig aktiviert werden und die Schwerpunkte der sozialen Arbeit einer breiten Masse zugänglich gemacht werden. Je nach Nutzung sind nur geringe bis mittlere Anpassungen notwendig.

Sport- und Freizeitnutzungen stellen eine vom sakralen Zweck unabhängige Nutzung dar und können den Standort aufwerten. Sie erfordern jedoch geeignete bauliche Voraussetzungen und führen oft zu stärkeren Eingriffen in Raumcharakter und Technik. Je nach Nutzung sind Anpassungen etwa in den Bereichen Beleuchtung, Schallschutz und Technik notwendig, wodurch der sakrale Raumcharakter teilweise oder vollständig verloren gehen kann.

Die Wohnnutzung bietet Potenzial zur Schaffung neuen Wohnraums und zum Erhalt der Gebäude. Sie erfordert jedoch umfangreiche bauliche Anpassungen und eine sorgfältige Balance zwischen Raumausnutzung und Erhalt prägender Elemente.

Die Mehrzwecknutzung kombiniert verschiedene Funktionen und ermöglicht eine flexible Nutzung des Gebäudes. Herausforderungen liegen vor allem in der Organisation, Zugänglichkeit sowie technischen und betrieblichen Abstimmung.

Besonders kulturelle oder soziale Nutzungen lassen sich häufig mit vergleichsweise geringen Eingriffen realisieren, während gewerbliche oder wohnbauliche Umnutzungen meist umfangreiche technische und bauliche Anpassungen erfordern. Eine von lfd durchgeführte Bevölkerungsumfrage zeigt, dass sich die Mehrheit dafür ausspricht, Kirchen weiterhin kirchlich zu nutzen und nicht umzuwidmen. Die Ergebnisse weisen jedoch differenzierte Haltungen in Abhängigkeit von Alter, Wohnort (Stadt/Land), Konfessionszugehörigkeit und Häufigkeit des Kirchenbesuchs auf.

Balkendiagramm zeigt Umfrageergebnisse zur Akzeptanz verschiedener Nachnutzungen von Kirchengebäuden, wenn diese nicht mehr als Kirche genutzt werden. Farblich sind Ablehnung (schwarz) und Zustimmung (blau) zu Nutzungsmöglichkeiten wie Museum, Bibliothek, Restaurant oder Supermarkt dargestellt, wobei Supermarkt mit 92 % Ablehnung am unbeliebtesten und Museum mit 79 % Zustimmung am beliebtesten ist.

Insgesamt zeigt sich, dass die Umnutzung von Kirchen ein breites Spektrum an Möglichkeiten eröffnet, jedoch stets eine Abwägung zwischen Erhalt, Funktion und Wirtschaftlichkeit erfordert. Besonders Kirchen der Nachkriegsarchitektur bringen dabei spezifische Potenziale und Herausforderungen mit sich, die im Artikel Umnutzungen für Nachkriegskirchen anhand ausgewählter Beispiele näher betrachtet werden.

Hier geht's zum Artikel

Umnutzungen für Nachkriegskirchen

Quellen