Im System denken

Ein Baudenkmal zu retten bedeutet zunächst seine Substanz zu sichern – Maßnahmen wie eine Notsicherung zu ergreifen, damit es nicht weiter verfällt. Ein langfristiger Erhalt ist damit aber noch nicht gewährleistet. Das wiederum setzt eine Nutzung voraus, denn ein genutztes Gebäude ist sein eigener bester Schutz.

Wer ein Baudenkmal nutzen will, muss sich mit seinem Grundriss auseinandersetzen: Was ist möglich? Was verträgt das Gebäude? Was für Räume werden benötigt und wie müssen diese im besten Fall gestaltet sein? Kommt es dabei zu einer Nutzungsänderung, greift das Baurecht. Das Gebäude muss den heutigen Anforderungen an Brandschutz, Standsicherheit und gegebenenfalls anderen Regelwerken gerecht werden. Weitere Anforderungen an Energieeffizienz oder Barrierefreiheit kommen hinzu. In ihrer Kombination können sie eine vollständige Entkernung nach sich ziehen – mit erheblichen Mehrkosten und dem Verlust der Bausubstanz.

Collage Bild Treppe mit gelben Marker
Foto-Collage © Claire Stein-Imart

Ein genutztes Gebäude ist sein eigener bester Schutz

Spielräume kennen und nutzen

Genehmigungsfreie Maßnahmen ermöglichen es, im Bestand zu arbeiten, ohne diese Kettenreaktion auszulösen. Sie wahren den Bestandsschutz und schaffen Spielraum für substanzerhaltende, kostenbewusste Eingriffe.

Wo Genehmigungen unumgänglich sind, lohnt es sich, pragmatische Minimallösungen zu suchen: nicht reflexartig auf Vollerfüllung aller Anforderungen zuzusteuern, sondern zu fragen, was tatsächlich erreicht werden muss. Kosteneffizienz entsteht im Baudenkmal nicht allein durch Materialeinsparung – sie entsteht durch den bewussten Umgang mit regulatorischen Spielräumen.

Dabei hilft es, früh in den Austausch zu gehen: Bevor ein formeller Antrag gestellt wird, lässt sich über Gespräche und Voranfragen ausloten, wie eine Behörde ein Vorhaben einschätzt – ohne dass damit bereits Anforderungen ausgelöst werden. Entscheidend ist dabei auch die Reihenfolge: Was zuerst angepackt wird, gibt vor was danach noch möglich ist und was nicht.
Wie viel Spielraum am Ende bleibt, hängt zudem nicht allein vom Regelwerk ab – sondern davon, wie Bauamt, Feuerwehr und Denkmalbehörde vor Ort ticken. Frühzeitig das Gespräch zu suchen und alle Beteiligten an einen Tisch zu bringen, ist die Grundlage für eine gemeine Lösungsfindung.

Planende, die diese Prozessgestaltung beherrschen und Regelwerke nicht als Einschränkung, sondern als Verhandlungsmasse verstehen, sind notwendige Partner. Was dafür auch gebraucht wird: Bauherrinnen und Bauherren, die früh in dieses Denken eingeführt werden und offen sind auch mal zu improvisieren. Und eine vernetzte Praxis, insbesondere auch Handwerksbetriebe, die Erfahrungen sammeln, sichtbar machen und weitergeben.

Collage Bild gelber Marker mit Alter Wand davor
Foto-Collage © Claire Stein-Imart

Prinzip Low-Key-Sanierung

Eine beispielhafte Sanierungs-Strategie, die im Forschungsprojekt Green Heritage 360 ° aktuell am denkmalgeschützten Turm erprobt wird, ist die Low-Key-Sanierung.

Mit dem Begriff Low-Key-Sanierung ist ein ressourcenschonender Ansatz gemeint, der bewusst versucht bauliche Eingriffe zu minimieren. Stattdessen wird mit einfachen, pragmatischen Mitteln und dem geringstmöglichen Bedarf an zusätzlichen Material gearbeitet. Vorhandene Bausubstanzen und Ressourcen werden genutzt, repariert statt ersetzt, gebrauchte Materialien finden weiterhin Verwendung. „Einfach umbauen" ist dabei die Maxime – unkomplizierte, nachvollziehbare und handwerkliche Lösungen werden hochtechnisierten Ansätzen vorgezogen. Ziel ist dabei stets, mit diesen minimalen Eingriffen eine einfache Nutzbarkeit der Gebäude zu erreichen.

Hier geht's zum Low-Key-Projekt

SWA-Turm Augsburg

Mit minimalen Eingriffen eine einfache Nutzbarkeit erreichen

Collage Bild gelber Marker auf Fliesen
Foto-Collage © Claire Stein-Imart

Low-Key-Sanierung bedeutet auch, unter fachlicher Anleitung selbst Hand anzulegen, zu experimentieren und durch praktisches Tun zu lernen. Dabei steht die Funktionalität im Vordergrund: Was funktioniert und das Gebäude normal nutzbar macht, bleibt – und entwickelt dabei oft eine eigene Ästhetik. Die Interventionen sind zurückhaltend und von geringer Intensität, wobei patinierte, gealterte Zustände bewusst akzeptiert werden. Doch Low-Key bedeutet nicht „irgendwie" – es entsteht eine gestalterische Sprache, die das Vorhandene würdigt, pflegt und behutsam ergänzt.

Ausgehend von dieser Logik werden genehmigungsfreie Maßnahmen bevorzugt, die den Bestandsschutz wahren. Wo Genehmigungen unumgänglich sind – etwa bei Brandschutz oder Standsicherheit – werden Wege für pragmatische Minimallösungen und schlanke Verfahren gesucht. Kosteneffizienz entsteht dabei nicht nur durch Materialeinsparung, sondern auch durch intelligentes Navigieren in der komplexen Regulierungslandschaft.

Low-Key bedeutet, mit dem zu arbeiten, was bereits da ist

Unter fachkundiger Anleitung selbst Hand anlegen: experimentieren und lernen durch Ausprobieren

Reparieren statt Ersetzen: Umbauen mit geringstmöglichem Materialaufwand

Den Bestand respektieren: Funktionalität vor Norm-Perfektion stellen

Patina und Altersspuren zeigen: Teil der Geschichte des Gebäudes akzeptieren

Eine gestalterische Sprache entwickeln: das Vorhandene würdigen und behutsam ergänzen

Den Bestandsschutz wahren: pragmatische Lösungen statt aufwendiger Verfahren

Sanierung als behutsame Intervention: Ressourcen schonen und Gebäude einfach nutzen

Blaupausen schaffen:  Andere ermutigen, behutsam mit Bestand umzugehen

Hier gibt es mehr praktische Hinweise zur Aktivierung von Baudenkmälern

Guidelines