„Alles atmet reine Zweckmäßigkeit und moderne Sachlichkeit. Unnützer Zierrat ist als undienlich vermieden."
(Augsburger Neusten Nachrichten, Nov. 1926)

Dieses Zitat stammt nicht etwa aus einer Architekturzeitschrift zur Beschreibung der Neuen Sachlichkeit von 1920 bis 1932. Stattdessen beschrieb es den neuen Prestigebau der Augsburger Straßenbahn in der Baumgartnerstraße und wurde am 12. November 1926 in der Lokalzeitung der Augsburger Neusten Nachrichten abgedruckt.

Der damals hochmoderne Bau war nicht nur – mit seinen 23 Metern und 7 Stockwerken – das erste „Hochhaus" Augsburgs, er war auch bewusst ein Statement seiner Zeit, der für den technischen Fortschritt der Elektromobilität und die Bedeutung des Nahverkehrs stand. Der im Volksmund auch sogenannte „Straßenbahnerturm“ wurde als Erweiterungsbau des städtischen Straßenbahnbetriebshofs II gebaut, der sich seit 1920 auf dem Gelände jenseits des Roten Tores befand. Dabei war der städtebauliche Gebäudetypus „Turm" Ausdruck einer in den 1920er Jahren weit verbreiteten „Sehnsucht nach neuen identitätsstiftenden Wahrzeichen". So sollte auch dieses Bauwerk städtebauliche Akzente setzen und der Orientierung im großstädtischen Gefüge dienen.
Doch hier in der Baumgartnerstraße hatte der Architekt Paul Gerne noch eine andere Vision:

Ein Artikel von Marina Nieberle

Architekturmodell Straßenbahndepot Ausgburg
Architekturmodell, Höfle, Augsburg, „Die Straßenbahnwagenhalle an der Baumgartnerstraße nach dem Ausbau“, Augsburger Stadt-Anzeiger, Augsburg, 14. September 1926 © Sammlung Häussler

Ein Modell des Architekten zeigt die ursprüngliche Idee: Der im November 1926 fertiggestellte Turmbau war nur einer von geplanten zwei Türmen, die den für die Historie von Augsburg sehr bedeutenden Ersten Bahnhof Augsburgs von Karl Gollwitzer - 1840 fertiggestellt - einrahmen sollten. Der zweite Turm wurde jedoch nie realisiert. Auch die für die Baumgartnerstraße heute so charakteristische Baumallee als Verbindungsachse des Roten Tor Parks und des Siebentischwaldes wurde von Paul Gerne geplant und auch umgesetzt, wie das Architekturmodell erkennen lässt.

„Was an dem Neubau sofort fesselt, ist seine monumentale Linie, die edle Führung seiner horizontalen, die kühn emporsteigende Vertikale und die eindrucksvolle Wirkung seiner großen Flächen.“
(Augsburger Neusten Nachrichten, Nov. 1926)

Das zweite Zitat des Eingangs erwähnten Zeitungsartikels beschreibt die Stilrichtung der Neuen Sachlichkeit, an der sich Gerne konsequent orientierte. Gebäude jener Epoche wurden bewusst auf das Notwendige reduziert. Klare Strukturen, Funktionalität und wenige, bewusste Verzierungen sind Merkmale dieses Architekturstils. Gestalterische Akzente wurden auch bei dem Turmbau nur sparsam gesetzt, wie beispielsweise die Zirbelnuss als Wahrzeichen Augsburgs an der Ecke zur Baumgartnerstraße, sowie eine große, beleuchtete Doppeluhr auf Höhe des ersten Stockwerks. Der Fassadenanstrich war damals, anders als heute, blau-grau und horizontal gegliedert durch Bordhorner Klinker.

Straßenbahnerturm – ein einzigartiges Bauwerk?

Sein Alleinstellungsmerkmal liegt in der innovativen Verknüpfung verschiedener städtischer Funktionen. Während andere Turmbauten der Zeit entweder reine Wohnfunktion oder kommerzielle Nutzung verfolgten, kombinierte der Straßenbahnerturm Wohnen, Arbeiten und Ausbildung in einem Gebäude: Das erste Zwischengeschoss enthielt den „Aufenthaltsraum für das Fahrpersonal", im zweiten Obergeschoss befand sich der „Lehrsaal der Fahrschule", während erst das 3. bis 5. Obergeschoss „Dienstwohnungen" vorbehalten blieben. Diese Form der Mischnutzung findet heutzutage gerade in nachhaltigen Wohnsiedlungen – im Zusammenhang der kurzen Wege – wieder Anwendung.

„Diese Wohnungen, die durch gute Luft und große Lichtfülle sehr begünstigt sind, haben auch auf eine landschaftlich reizvolle Umgebung Ausblick. Sie werden mit neuzeitlichen Bequemlichkeiten ausgestattet, wie elektrisches Licht, Bad, usw.“
(Augsburger Neusten Nachrichten, Nov. 1926)

Auf die Innenausstattung wird ebenfalls im Zeitungsartikel eingegangen. Elektrisches Licht und ein eigenes Badezimmer waren zu jener Zeit keinesfalls Standard in Wohnungen. Auch die Terrasse im vierten Obergeschoss bot eine für die 1920er Jahre besondere Wohnqualität und eine tolle Aussicht über ganz Augsburg. Der gehobene Standard zeigt sich auch in der Materialwahl: „Eichenholz und Kupfer fand überall Verwendung, wo es angängig und notwendig erschien.“ An der hochwertigen Ausstattung lässt sich auch gut der damalige Status der Straßenbahnmitarbeiter und städtischen Beamten erkennen, die der oberen Mittelschicht angehörten.

Zeitungsartikel mit altdeutscher Schrift
Zeitungsartikel Augsburger Neueste Nachrichten, 12. November 1926 © Stadtbibliothek Augsburg

Direkt neben dem damals hochmodernen Turmkomplex, am Standort des heutigen Sparkassen Altenheims, befand sich zu dieser Zeit eine Behelfswohnsiedlung – auch Barackensiedlung im Volksmund genannt - welche es an mehreren Stellen in Augsburg gab. Die Stadt Augsburg versuchte mit jenen Siedlungen der sehr gravierenden Wohnungsnot entgegenzuwirken. Zum geschichtlichen Kontext: Augsburgs Einwohnerzahl hatte sich innerhalb von nur 80 Jahren, aufgrund der expandierenden Industrie verdreifacht und galt ab der Jahrhundertwende als Großstadt. Gerade nach dem ersten Weltkrieg mit einer Vielzahl an Kriegsheimkehrern und Flüchtlingen hatte sich die Wohnungsnot nochmals verschärft. In jener Zeit war es üblich, dass sich 3 oder 4 Personen einen Raum teilen mussten. Im Vergleich dazu waren die Wohnungen in dem Turmbau geradezu purer Luxus.

Behelfswohnsiedlung an der Baumgartnerstraße
Behelfswohnsiedlung an der Baumgartnerstraße © Stadtarchiv Augsburg

Von 1926 bis heute

Die heute wieder sichtbare Fassade der denkmalgeschützen Bahnhofshalle von Karl Gollwitzer war zu dieser Zeit komplett eingebaut und von außen nicht sichtbar.

Anbau einer Gleichrichterstation
Das Bild vom 22.07.1937 zeigt den Anbau einer Gleichrichterstation mit Aufenthaltsräumen am Straßenbahnhof II an der Baumgartnerstraße © Stadtarchiv Augsburg

Zeit des Nationalsozialismus (1933-1945)

Auch in schwierigen Zeiten blieb der Turm in Betrieb. Während des Krieges (1939-1945), als die meisten Männer zum Kriegsdienst verpflichtet waren, wurden in den Fahrschulräumlichkeiten im 2. Obergeschoss erstmals Frauen als Straßenbahnführerinnen ausgebildet.

Schwarzweißbild Fahrschulraum im 2. Obergeschoss
Fahrschulraum im 2. Obergeschoss zu Zeiten des Nationalsozialismus, Quelle unbekannt, Sammlung M. Tusch
historische Aufnahme Fahrschule Trambahn
Fahrschulraum im 2. Obergeschoss zu Zeiten des Nationalsozialismus, Quelle unbekannt, Sammlung M. Tusch

„Der Turm ist ein Symbol von Augsburg. Im Volksmund wurde er auch der Straßenbahnerturm genannt. Damals war er eine Orientierungshilfe für alle Leute, die vom Roten Tor aus in den Siebentischwald wollten. Für mich als Kind war es wie ein Königshaus und ich habe die Altane immer so schön gefunden.“
(Interview mit Frau Brigitte Gstättner, 21.11.24).

Nachkriegszeit und Erweiterungen (1953-1970)

1953 begann eine große Erweiterung: Eine 3.300 Quadratmeter große Halle mit Sheddächern für weitere Werkstätten und Arbeitsplätze wurde gebaut. Ab diesem Zeitpunkt konnte die Instandsetzung sämtlicher Straßenbahnwagen, Auto- und Obusse am Standort in der Baumgartnerstraße durchgeführt werden. Anhand des Luftbildes lässt sich gut erkennen, dass der Turmbau immer noch die höchste städtebauliche Erhebung auf dem Areal war. Wohnen, Arbeiten und das tägliche Leben fanden hier weiterhin nebeneinander statt. Auch die oben erwähnte Barackensiedlung war noch Wohnort für zahlreiche Menschen, die der untersten Bürgerschicht angehörten. Eine Zeitzeugin die in ihrer Kindheit von 1947-1964 in einer Barackensiedlung lebte beschreibt die Wahrnehmung des Gebäudes so:

Luftbild in schwarzweiß Trambahndepot Augsburg
Luftbild von 1955, AeroExpress Flughafen München Riem Sammlung: Archiv der Strab-Werkstatt
Schwarzweiß Bild Trambahndepot Ausgburg
Datum unbekannt, ursprüngliche Kastenfenster und Turmuhr waren noch erhalten (Sammlung Häußler)

Der Wendepunkt (1995-2000)

Die 1980er Jahre markierten den Beginn größerer baulicher Eingriffe. Um gestiegenen Komfortansprüchen zu entsprechen, wurden die historischen Holzsprossenfenster durch moderne Wagnerfenster ersetzt. Die Ursprüngliche Mischnutzung aus Wohnen in den oberen drei Geschossen, des Aufenthaltsraumes und Lehrsaals für die Fahrschule und einer Kleiderkammer für die Straßenbahnmitarbeiter im Erdgeschoss hatte sich nichts geändert.

Der entscheidende Wendepunkt erfolgte mit dem großangelegten Umbau des gesamten Straßenbahnbetriebshofs zwischen 1995 und 2000. Während die unter Denkmalschutz stehende Bahnhofshalle von Karl Gollwitzer und der Turm erhalten blieben, wurden alle anderen Gebäude des Areals abgerissen und durch zeitgemäße Betriebsbauten ersetzt.

Mit dem Umzug der Fahrschule und Kleiderkammer in das neue Betriebsdienstgebäude um 1998 verlor der Turm seine zentrale betriebliche Funktion. Die Wohnungen wurden schrittweise aufgegeben, ohne dass Nachmieter gefunden wurden – ein Prozess, der mit dem Auszug des letzten Bewohners 2009 seinen Abschluss fand. Diese Entwicklung markierte das Ende einer über 80-jährigen kontinuierlichen Nutzung. Und doch findet man bis heute in dem historischen Ensemble aus Bahnhofshalle und Straßenbahnerturm eine „in der Gesamtwirkung sich gegenseitig unterstützende markante horizontale und vertikale und man wird darin eine bestimmt förmliche Note finden, die sympathisch berührt.“ (Augsburger Neusten Nachrichten, Nov. 1926)

Hier können sie noch mehr über die Geschichte des Straßenbahndepots entdecken:

swa-augsburg.de

Quellen

  • Augsburger Neueste Nachrichten (1926): „Die neue Straßenbahnwagenhalle. Ein Turmbau an der Baumgartnerstraße. - Fertigstellung bis 1. Dezember.", 12. November 1926, S. 6

  • Lickhardt, M. & Krause, R. (Hrsg.) (2024): Handbuch Weimarer Republik: Literatur und Kultur. Berlin: J.B. Metzler

  • Wolf, B. (2002): Wohnarchitektur in Augsburg: Kommunale Bauten der Weimarer Republik. Berlin: Reimer

  • Geschichte der Straßenbahn Augsburg. Stöttwang: Bauer-Verlag, 2018.

  • Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege, „Denkmaldaten: D-7–61–000–141“. DenkmalAtlas 2.0, 30. Dezember 2024.

  • Brigitte Gstättner (Geb. Loos), „Zeitzeugeninterview“, 21. Januar 2024.

  • Eva Maria Knab, „Tramflotte bald unter einem Dach - Renovierung des Straßenbahn-Betriebshofs soll im Sommer abgeschlossen werden“, Augsburger Allgemeine, 8. Januar 2000.

  • Höfle, Augsburg, „Die Straßenbahnwagenhalle an der Baumgartnerstraße nach dem Ausbau“, Augsburger Stadt-Anzeiger, Augsburg, 14. September 1926.